Wirrwarr bei Recyclinglabels

Nur 5,8 Prozent Recyclinganteil in Plastikverpackungen

28 . 06 . 2021

Ob Käseverpackung oder Wasserflasche – viele Hersteller werben mit Lebensmittelverpackungen aus recyceltem Material. Doch eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Dr. Bettina Hoffmann zeigt: Der Anteil an recyceltem Plastik in Kunststoffverpackungen in Deutschland liegt bei lediglich 5,8 Prozent.

Einsatz von Kunststoffrezyklaten in Deutschland sehr niedrig

Die rund 4,4 Mio. t. in Deutschland hergestellten Kunststoffverpackungen bestehen im Schnitt nur zu 5,8 Prozent aus recyceltem Plastik, das von Haushalten stammt (sog. Post-Consumer-Rezyklate). Lediglich rund 0,3 Mio. t an Neumaterial werden so ersetzt. Nur wenig besser sieht es aus, wenn man über Verpackungen hinaus die gesamte Kunststoffproduktion in Deutschland in den Blick nimmt. Kunststoffrezyklate aus Post-Consumer-Abfällen machten 2019 gerade mal 7,2 Prozent der gesamten Kunststoffverarbeitung in Deutschland aus.


Viel Recyclingmaterial für Verpackungen stammt aus PET-Einwegflaschen

Theoretisch steht laut Bundesregierung aus alten PET-Flaschen ein Maximal-Input von ca. 0,4 Mio. t für das Bottle-to-Bottle-Recycling zur Verfügung. Dies wird jedoch bei weitem nicht ausgenutzt. Der Grund: Hochwertige Rezyklate sind Mangelware, viel PET aus alten Flaschen wird gebraucht, um den Recyclinganteil in anderen Verpackungen oder Textilien zu erhöhen. Die Bundesregierung schreibt dazu: „Verschiedene Unternehmen verstärken ihre Bemühungen, die Rezyklatanteile in ihren Verpackungen durch freiwillige Verpflichtungen zu erhöhen. Hierfür wird auf Rezyklate aus dem bepfandeten PET-Getränkebereich zurückgegriffen, da diese aufgrund ihrer Lebensmitteltauglichkeit die größtmögliche Sicherheit im Hinblick auf die Minimierung möglicher Migrationen aus der Verpackung in das Füllgut bieten – unabhängig davon, ob das Füllgut ein Lebensmittel ist oder nicht."

Die Bundesregierung nennt hier konkrete Zahlen: „28,6 Prozent [des Kunststoffs aus alten PET-Flaschen gehen] in Folienanwendungen (z. B. PET-Schalen für Wurst, Käse, Obst), 20,4 Prozent in die Herstellung von Fasern und 13,2 Prozent in „Sonstiges" (z. B. Kunststoffbänder, Spritzgussan-wendungen oder Flaschen für Non-Food-Anwendungen)."

Der Effekt: Neu hergestellte PET-Flaschen bestehen im Schnitt selbst nur zu rund einem Drittel aus recyceltem Plastik.

Bundesregierung stellt Label-Wirrwarr fest, macht aber nichts dagegen

Umfragen zeigen, dass viele Verbraucher*innen Wert auf Recyclingfähigkeit von Verpackungen oder den Einsatz von Rezyklaten legen. Immer mehr Hersteller und Händler versehen Verpackungen daher mit Angaben zum Rezyklatanteil. Für die Verbraucher*innen sind die Herstellerangaben zum Rezyklatanteil aber oft irreführend, dies sieht auch die Bundesregierung so. Insbesondere „herstellereigene Angaben, Eigendeklarationen und/oder selbsterstellte Siegel haben üblicherweise nicht das Niveau an Transparenz, Objektivität, Unabhängigkeit und Nachprüfbarkeit wie etwa Typ-1-Umweltzeichen." Die Bundesregierung betont: Eine Nachweisführung für den Einsatz von Rezyklaten „ist nur durch Zertifizierung möglich" – d.h. wenn Hersteller Rezyklat aus zertifizierten Recyclinganlagen beziehen.

Einen kompletten Überblick über herstellerübergreifende Label zur Kennzeichnung des Rezyklatanteils in Produkten und Verpackungen hat noch nicht einmal die Bundesregierung. Sie nennt lediglich fünf Beispiele. Eine vollständige Übersicht aller Label sowie Informationen zum Marktanteil der Label hat die Bundesregierung nicht.

Die Gleichsetzung von Pre- und Post-Consumer-Rezyklat in einigen Labeln ist irreführend

Pre-Consumer- bzw. Post-Industrial-Rezyklate sind in der Regel Produktions- und Verarbeitungsabfälle, die in der Qualität von Neuware anfallen. Die Label unterscheiden sich zum Beispiel „über die möglichen verwendeten Abfallquellen, d.h. ob nur Post-Consumer-Rezyklat oder auch Pre-Consumer Rezyklate eingesetzt werden dürfen" oder darüber, „ob Anforderungen an die Begrenzung möglicher schädlicher Inhaltsstoffe formuliert sind." Die Wiederverwendung solcher Produktionsabfälle ist oft ohne eine aufwändige Aufbereitung möglich und in vielen Betrieben gängige Praxis. Das ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll, kann aber nicht der Maßstab für die Kreislaufführung von Kunststoffen sein. Die Verbraucher*innen gehen – zu Recht – davon aus, dass recyceltes Plastik aus alten Verpackungen oder anderen Produkten besteht, die von Konsument*innen genutzt wurden. Diese fallen in der Regel stärker verunreinigt an und müssen mit deutlich mehr Aufwand recycelt werden. Um den Verbraucher*innen eine nachhaltige Kaufentscheidung zu ermöglichen, wäre laut Bundesregierung „eine glaubwürdige, transparente und leicht zu erfassende Kennzeichnung des Rezyklatanteils von Verpackungen und Produkten ein Mehrwert". Ein einheitliches Label müsste „zwischen Post-Industrial und Post-Consumer-Rezyklaten unterscheiden." Selbst aktiv geworden ist die Bundesregierung aber nicht. Es gibt lediglich „Überlegungen zur Entwicklung von Vorschlägen für ein EU-weites Label."

Politische Schritte für mehr verfügbares Recyclingmaterial fehlen

Als entscheidendes Hemmnis für mehr Recycling nennt die Bundesregierung ein beschränktes Angebot an erforderlichen Rezyklatqualitäten für die Verwendung in Lebensmittelverpackungen. Die Nachfrage wird derzeit überwiegend aus dem PET-Recycling des Einwegpfandsystems gedeckt. Doch andere Recyclingverfahren – etwa für Verpackungsabfälle aus dem gelben Sack – haben von der EU noch keine Zulassung für die Anwendung in Lebensmittelkontaktmaterialien. Technisch wäre ein hochwertiges und lebensmittelechtes Recycling von Verpackungen aus dem gelben Sack möglich. Allerdings fehlen noch immer klare Standards und Normen, um einen sicheren und für die Verbraucher*innen unbedenklichen Einsatz von Rezyklaten zu ermöglichen.

Weiterhin erkennt die Bundesregierung: „Der Einsatz von Rezyklaten, speziell Post-Consumer-Rezyklaten, erfordert zudem Anpassungsprozesse bei der Verarbeitung der Kunststoffe und ggf. auch im Produktdesign." Insbesondere diesen Punkt adressiert die Bundesregierung aber politisch so gut wie gar nicht. Einen entscheidenden Unterschied könnte hier beispielsweise die EU-Plastiksteuer machen. Wenn diese in einem Bonus-Malus-System so auf die Hersteller umgelegt wird, dass diese einen Anreiz haben, Plastikverpackungen recyclingfreundlich zu gestalten

Kommentierung durch Dr. Bettina Hoffmann

Ob Getränkeflasche, Kosmetikbehälter oder Reinigungsverpackung: Immer mehr Hersteller werben mit Verpackungen aus recyceltem Plastik. Doch die nackten Zahlen der Bundesregierung zeigen, dass die Verpackungsbranche von einer echten Kreislaufwirtschaft noch immer meilenweit entfernt ist.

Umweltministerin Svenja Schulze hat in ihrer kompletten Amtszeit kein Konzept gefunden, um den Einsatz von recycelten Kunststoffen zu fördern und bestehende Hemmnisse zu beseitigen. Die Bilanz ist ernüchternd: Noch nicht mal sechs Prozent der Verpackungen wurden 2019 aus recycelten Materialien hergestellt.

Das Beispiel PET-Flaschen zeigt: Pfandsysteme schaffen einen hochreinen Strom von Plastikabfällen, der auch wieder neu in Lebensmittelverpackungen eingesetzt werden kann. Deshalb setzen wir auf eine Ausweitung von verbraucherfreundlichen Pfandsystemen. Wichtig ist dabei: Noch deutlich mehr Ressourcen sparen wir, wenn wir Verpackungen generell mehrfach nutzen, bevor sie ins Recycling gehen. Nicht nur PET-Flaschen, sondern auch To-Go-Becher, Sushi-Boxen oder Supermarktverpackungen sollten deshalb immer dann im Mehrweg geführt werden, wenn es ökologisch vorteilhaft ist.

Um mehr hochwertig recyceltes Plastik auf den Markt zu bekommen, sind stärkere Impulse für ein recyclingfreundliches Produktdesign entscheidend, etwa durch europäische Vorgaben zum Ökodesign.

Verbraucher*innen und Hersteller brauchen endlich mehr Verlässlichkeit und Transparenz über Herkunft und Verwendung von Kunststoffen. Es muss Schluss sein damit, dass Hersteller ihre Produkte mit irreführenden Angaben versehen, indem sie auch quasi neuwertige Produktionsreste als recyceltes Plastik bezeichnen.

Deutsche Unternehmen bieten schon heute gute Lösungen für die Kennzeichnung von Produkten und Transparenz entlang der gesamten Wertstoffkette. Diese Initiativen wollen wir weiter ausbauen und stärken. Bis 2030 wollen wir alle Produkte, mit einem digitalen Zwilling ausstatten, der alle wichtigen Informationen über Design, Reparierbarkeit und Materialien enthält, die wir für die Kreislaufwirtschaft brauchen. Dafür wollen wir insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen mit einer Milliarde Euro bei der Digitalisierung unterstützen."

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