Allergene Chemikalien

alle Kinder mehrfach belastet

16 . 11 . 2020

Alle Kinder und Jugendlichen sind mehrfach mit Kontaktallergenen belastet - das geht aus der Antwort auf die Kleine Anfrage "Belastung von Kindern und Jugendlichen mit allergieauslösenden Chemikalien" hervor, die Dr. Bettina Hoffmann an die Bundesregierung gestellt hat.

In der GerES-V-Studie des Umweltbundesamts wurde der Urin von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren auf Abbauprodukte von 21 Allergenen oder Chemikalien getestet, die in Verdacht stehen, eine allergene Wirkung zu zeigen. Für zwölf dieser Kontaktallergene stellt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf unsere Kleine Anfrage detaillierte Messwerte bereit.

Abbauprodukte von Duft- und Konservierungsstoffen im Urin aller Kinder

Bei sechs dieser Stoffe werden Abbauprodukte bei über 90 bis 100 Prozent aller Kinder und Jugendlichen nachgewiesen: 100 Prozent sind mit Abbauprodukten der Konservierungsstoffe MIT (Methylisothiazolinon), CIT (Methylchlorisothiazolinon), dem Duftstoff Lysmeral (Lilial) und Acrylamid belastet. Weiterhin sind über 90 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen zusätzlich mit Chrom und Bisphenol A belastet. Damit zeigen die Ergebnisse der GerES-V-Studie deutlich eine Mehrfachbelastung aller Kinder und Jugendlichen mit nachgewiesen allergenen Stoffen.

Von den sechs weiteren Stoffen, zu denen die Bundesregierung detaillierte Testergebnisse veröffentlicht hat, wurden - je nach Geschlecht und Altersklasse - bei rund einem Drittel bis der Hälfte der Kinder und Jugendlichen Abbaustoffe des in der Gummiverarbeitung eingesetzten 2-Mercaptobenzothiazol, sowie der UV-Blocker Benzophenon-1 und Benzophenon-3 nachgewiesen. Abbaustoffe des Weichmachers DCHP wurden bei rund 5 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen nachgewiesen. Lediglich für den Weichmacher DnOP und den UV-Blocker Benzophenon-8 konnten keine Abbauprodukte im Urin nachgewiesen werden.

Da die Kinder und Jugendlichen nur auf einen Bruchteil der bekannten Kontaktallergene bzw. Stoffe mit Verdacht auf allergene Wirkung getestet wurden, muss man annehmen, dass Kinder und Jugendliche mit deutlich mehr Chemikalien dieser Klasse belastet sein können.

Was sind Kontaktallergene?

Alle in GerES-V getesteten Allergene fallen in die Kategorie der Kontaktallergene. Metalle, Konservierungsstoffe und Duftstoffe sind typische Kategorien von Kontaktallergenen.
Juckende Rötungen mit Verdickung der Haut sowie das Entstehen von Bläschen und nässenden Erosionen sind die typischen Merkmale eines allergischen Kontaktekzems.Das allergische Kontaktekzem ist Ausdruck einer Überempfindlichkeitsreaktion bei Hautkontakt mit einem Allergen.

Insgesamt sind rund 3.000 Kontaktallergene bekannt. Etwa 20% der Bevölkerung haben eine Kontaktsensibilisierung, und etwa 7% der Bevölkerung erkranken im Verlauf eines Jahres an einem allergischen Kontaktekzem. Auf Deutschland bezogen bedeutet das, dass rund 16,6 Mio. Menschen eine Kontaktsensibilisierung haben und rund 5,8 Mio. Menschen im Verlauf eines Jahres an einem Kontaktekzem erkranken.

Wie alle anderen Formen der Allergie wird auch die Kontaktallergie im Laufe des Lebens erst durch den Kontakt mit dem jeweiligen Allergen erworben. Das allergische Kontaktekzem kann man behandeln, die zugrunde liegende Allergie ist aber im Gegensatz zu den anderen Allergieformen nicht heilbar.
Die Sensibilisierung bleibt lebenslang bestehen. Für die Betroffenen ist die strikte Meidung des Kontaktes mit dem Allergen die einzige Möglichkeit, langfristig ekzemfrei zu bleiben.

Quelle: Informationsverbund Dermatologischer Kliniken IVDK

Hintergrund: Welche ABbauprodukte allergener Chemikalien wurden nachgewiesen?

Duftstoff Lysmeral: Lysmeral (Lilial) ist ein synthetischer Duftstoff, der nach Maiglöckchen riecht. In allen Kindern und Jugendlichen wurden Abbauprodukte dieses Stoffes nachgewiesen. Mädchen hatten durchschnittlich höhere Konzentrationen der Lysmeral-Abbaustoffe als Jungen. Für die Belastung mit Lysmeral wurde ein Zusammenhang mit der Nutzung von Parfüm, Weichspüler, Duft- und Aromastoffen, Raumsprays sowie Körperpflegeprodukten gefunden. Lysmeral wird in einer jährlichen Produktionsmenge von 1000 bis 10.000 Tonnen hergestellt. Die Substanz zeigt allergene Wirkung und steht unter Verdacht die Fruchtbarkeit und vermutlich das Kind im Mutterleib schädigen zu können.

Konservierungsstoffe MIT und CIT: Alle Kinder und Jugendlichen sind mit Abbauprodukten der allergenen Konservierungsstoffe MIT (Methylisothiazolinon) und CIT (Methylchlorisothiazolinon) belastet, dabei war die Belastung der Jungen höher als bei Mädchen. Die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit MIT und CIT ist ubiquitär, d.h. für diese Stoffe konnten keine konkreten Quellen identifiziert werden. MIT und CIT werden zur Konservierung von Kosmetika, Parfüms, Duftstoffen, Düngemitteln, Farben Lacken, Klebstoffen, Tinten, Waschmitteln verwendet. Sie wirken gegen Bakterien und Pilze. Für MIT gibt die Bundesregierung Herstellungsmengen von 10 bis 100 Tonnen an. Zu den in den Verkehr gebrachten Mengen von CIT gibt es keine Angaben, weil für Biozide in der REACH-Verordnung zurzeit keine Mitteilungspflichten für den Inverkehrbringer vorgesehen sind.

Bisphenol A: Fast alle Kinder und Jugendlichen (96 Prozent) sind mit Bisphenol A belastet. Die durchschnittliche Belastung liegt bei 1,9 µg/L Urin. Bisphenol A wird weltweit in großen Mengen produziert (100.000-1.000.000 Tonnen/Jahr) und beispielweise in Bodenbelägen, Möbeln, Spielzeug, Baumaterialien, Schuhen, Papier, Kartonprodukten, elektronischen Geräten (Computer, Kameras, Lampen, Kühlschränke, Handys, Waschmaschinen, Lebensmittelverpackungen, Fahrzeugen) verwendet. Bisphenol A ist eingestuft als Haut- und Atemwege-sensibilisierend und steht unter Verdacht auf endokrine Wirkung. Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes kann Bisphenol A schon in sehr niedrigen Konzentrationen auf das Hormonsystem von Menschen und Umweltorganismen wirken. Bisphenol A ist eingestuft als hautsensibilisierend, schwer augenschädigend und Atemwege reizend. Wegen seiner reproduktionstoxischen und hormonellen Wirkung auf Menschen und Umwelt ist Bisphenol A als besonders besorgniserregender Stoff (SVHC) eingeordnet.

Chrom: Chrom wurde in über 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen nachgewiesen, die Belastung war in allen Altersstufen gleich. Chrom wird in sehr großen Mengen produziert (1.000.000 – 10.000.000 Tonnen/Jahr) und zur Oberflächenbehandlung von Metallen und in vielen Verbraucherprodukten wie Besteck, Spielzeug, Töpfe, Waschmittel, Farben, Lacke, Baumaterialien eingesetzt). Chromate sind potente Allergieauslöser, giftig und haben krebsauslösende Wirkung.

Dr. Bettina Hoffmann, MdB, Sprecherin für Umweltpolitik, Sprecherin für Umweltgesundheit bewertet die Ergebnisse wie folgt:

„Die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit allergenen Chemikalien ist alarmierend. Alle untersuchten Kinder und Jugendlichen waren mehrfach mit Chemikalien belastet, die nachgewiesen allergen wirken oder im Verdacht stehen, Allergien auszulösen.

Die allgegenwärtige Belastung mit allergenen Chemikalien ist ein ernstes Gesundheitsproblem, denn sie steigert die Wahrscheinlichkeit, dass Kontaktallergien für den Rest des Lebens entstehen. Wer einmal eine Kontaktallergie entwickelt hat, leidet das Leben lang unter juckenden Hautentzündungen, wenn er oder sie in Kontakt mit Allergenen kommt.

Allergien sind kein Problem, das die Betroffenen alleine zu lösen haben. Wir brauchen eine Politik, die sich eine gute Lebensqualität von Allergiker*innen zum Ziel setzt.

Allergien spielen als Volkskrankheit in einer Liga wie etwa Diabetes oder Asthma. Entsprechend ernst müssen sie auch in der Gesundheitspolitik genommen werden. Dazu gehört, die Versorgung von Kindern und Erwachsenen mit Allergien zu verbessern und die Behandlungen gerechter zu finanzieren.
Stoffe wie MIT, allergene Duftstoffe und Chrom sollten in Kinderkosmetik, Bastelmaterialien, Beißringen, Schnullern und weiteren Produkten, die für Kinder bestimmt sind, verboten werden.

Die Kennzeichnung von Allergenen muss verbessert werden, insbesondere in Produkten, mit denen Kinder oft zu tun haben. Dazu gehören etwa Textilien, Spielzeug, Büro- und Schulmaterialien."