Dürre trotz Regen

Kleine Anfrage ergibt: Dürre führt zu Waldschäden und Ernteeinbußen

09 . 07 . 2020

Nach den Dürrejahren 2018 und 2019 haben sich die Böden längst noch nicht erholt. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Entwicklung der Bodenfeuchtigkeit in Deutschland. "Vor allem die Wälder leiden, aber auch die Grundwasserspiegel sinken. Hier die Ergebnisse im Detail:

Grundwasserstände sinken aufgrund geringer Niederschlagsmengen

Lange anhaltende Trockenheit und Dürre sind auch in Deutschland kein seltenes Phänomen mehr. Im Januar, März und April dieses Jahres fielen in allen Bundesländern im Gebietsmittel deutlich weniger Niederschläge als im Vergleichsmittel der Jahre 1961 - 1990. Insbesondere im April 2020 fielen in allen Bundesländern deutlich zu wenige Niederschläge, besonders betroffen waren die Länder Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen.

Die häufig geringen Niederschlagsmengen führen zu sinkenden Grundwasserständen in vielen Bundesländern: Die Bundesregierung schreibt: „Im Vergleich zum langjährigen Mittel werden Monate mit unterdurchschnittlich niedrigen Grundwasserständen in Deutschland signifikant häufiger." Das zeigt sich insbesondere in den Jahren 2015 – 2017, in denen es zudem kaum noch Überschreitungen des durchschnittlich höchsten Grundwasserstands gab (Referenzwert der Jahre 1971 – 2000). Besonders stark betroffen sind niederschlagsarme Gebiete im Nordosten Deutschlands – insbesondere Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in niederschlagsreichen Regionen in den Mittelgebirgen und im Bereich der Alpen „sind [vor allem in den Jahren 2013 bis 2017] niedrige Grundwasserstände deutlich erkennbar". Die Bundesregierung vermutet für 2018 und 2019 „aufgrund der ausgeprägten Trockenperiode [...] eine ähnliche, möglicherwiese noch extremere Situation".

Die Bundesregierung stellt zudem fest: „Die intensive Sommertrockenheit in den letzten beiden Jahren 2018 und 2019 sowie die gebietsweise geringen Winterniederschläge in den Jahren 2018/19 sowie 2019/20 haben in einer Reihe von Regionen Deutschlands zu dauerhaft geringen Bodenwasservorräten, absinkenden Grundwasserständen und einer geringen Grundwasserneubildung insbesondere in den letzten beiden Winterhalbjahren geführt."

Böden erholen sich nur sehr langsam von Trockenheit

Die Bodenfeuchtigkeit im Oberboden und Gesamtboden wird in Prozent der nutzbaren Feldkapazität (nFK) angegeben. Die nFK beschreibt die Menge des Wassers im Boden, das für die Pflanzen tatsächlich verfügbar ist. Wasserstress tritt unterhalb einer nFK von 50 Prozent auf, zwischen 30 und 40 Prozent nFK nimmt die Fotosyntheseleistung der Pflanzen und damit ihr Wachstum ab. Fällt die nFK unter einen Wert von 50 Prozent ist in der Landwirtschaft zusätzliche Beregnung erforderlich, um die optimale Ertragsausbeute zu erreichen. Fällt die nutzbare Feldkapazität unter 30 Prozent kommt es zu Pflanzenwasserstress und Pflanzen drohen zu vertrocknen.

In fast allen Bundesländern war der Oberboden (0 – 10 cm) im Zeitraum vom 1. April bis 15. Mai 2020 ungewöhnlich trocken – bis hin zum Wasserstress und teilweise sogar Pflanzenwasserstress. Viele Feldfrüchte wie Getreide oder Gemüse versorgen sich vor allem aus dem Oberboden mit Wasser. Zwar reagiert der Oberboden reagiert auch schon kurzfristig auf Regen, ein paar Regentage reichen aus, um die Situation im Oberboden schnell wieder zu verbessern. Die Antwort der Bundesregierung zeigt aber auch, dass der Oberboden schnell wieder austrocknet, wenn der Regen ausbleibt: Vom 1. bis 28. April fiel die Bodenfeuchtigkeit des Oberbodens in Baden-Württemberg beispielsweise auf 33,9 Prozent nFK. In Folge einiger Niederschläge vom 26. April bis 5. Mai verbesserte sich die Situation zwischenzeitlich spürbar, nach größeren Niederschlagsmengen am 1. Mai stieg die Bodenfeuchtigkeit am 2. Mai auf 94,6 Prozent nFK. Nach geringeren Niederschlägen und ausbleibendem Regen ab dem 5. Mai lag die Bodenfeuchtigkeit im Oberboden am 11. Mai nur noch bei 55,9 Prozent.
Es braucht mehr als nur ein paar Regentage, um die Bodenwasservorräte wieder aufzufüllen.

Ein vollständiges Bild der Trockenheit zeichnet sich erst mit Blick auf die Entwicklung der Bodenfeuchtigkeit im Gesamtboden bis zu einer Tiefe von 1,60 Metern. Hier bilden sich Bodenwasservorräte, die den Pflanzen langfristig zur Verfügung stehen. Viele Bäume wurzeln in den tiefen Bodenschichten. Selbst in einem vergleichsweise regenreichen Bundesland wie Baden-Württemberg fiel die nutzbare Flächenkapazität im Gesamtboden bis Anfang Mai auf 54,1 Prozent – kurz vorm Wasserstress. Auch die teilweise heftigen Regenfälle Ende April/Anfang Mai konnten nicht dazu beitragen, die Situation im Gesamtboden spürbar zu verbessern, die nutzbare Flächenkapazität stieg nur leicht auf rund 60 Prozent.

In allen Bundesländern war der Gesamtboden im Zeitraum vom 1. April bis 15. Mai durch zunehmende Trockenheit gezeichnet. Zu Wasserstress kam es insbesondere in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und Thüringen, wo die nutzbare Feldkapazität spätestens Anfang Mai teils deutlich unter 50 Prozent fiel. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt, dass der Gesamtboden in großen Teilen Deutschlands, insbesondere aber im Osten und Nordosten, auch im Juni 2020 durch extreme bis außergewöhnliche Dürre gekennzeichnet ist (Stand: 17.06.2020).

Anhaltende Trockenheit schädigt die Wälder massiv

Trockene Sommer und geringe Niederschlagsmengen in den Wintern 2018/19 und 2019/20 haben dauerhaft geringe Bodenwasservorräte zur Folge. Das schädigt viele Wälder und Forste in Deutschland. Ohne ausreichend Bodenwasser sind die Bäume weniger vital und werden so auch anfälliger für Schaderreger wie z.B. Borkenkäfer und blattfressenden Insekten. Die Folge: Viele Wälder und Forste sind in keinem gesunden Zustand. Die Bundesregierung legt zum Beispiel dar, dass 2019 78 Prozent der Bäume eine Kronenverlichtung zeigten – der höchste Wert seit Beginn der Messungen in 1984. 36 Prozent der Bäume zeigten sogar eine deutliche Kronenverlichtung, ein signifikanter Anstieg um 7 Prozentpunkte im Vergleich zu 2018. Dieser Anstieg betrifft alle Baumarten wie Fichte, Kiefer, Buche und Eiche gleichermaßen. Die Bundesregierung spricht insgesamt von „massiven Schäden an Waldbeständen aller Altersklassen". Von Anfang 2018 bis Juni 2020 ist ein Schadholzanfall von 160 Millionen Kubikmetern zu verzeichnen.

Dürre führt zu Ernteeinbrüchen in der Landwirtschaft

In 2018 und 2019 lagen die durchschnittlichen Hektarerträge je Bundesland deutlich unter dem Durchschnitt der sechs Vorjahre. Besonders heftig waren die Ertragseinbrüche in 2018 mit einem Rückgang von deutschlandweit durchschnittlich 16 Prozent gegenüber dem Zeitraum 2012 bis 2017. 2019 fielen die Ernteeinbrüche geringer, mit einem Rückgang von durchschnittlich 3,8 Prozent gegenüber dem Zeitraum von 2013 bis 2018 aber immer noch deutlich aus. Die höchsten Ertragsrückgänge waren 2019 (im Vergleich zum sechsjährigen Durchschnitt 2013-2018) in Sachsen-Anhalt (-17,8 Prozent) und Brandenburg (-13,6 Prozent) zu beobachten. Die Bundesregierung weist zwar grundsätzlich darauf hin, dass verschiedene Faktoren ursächlich für die Ertragseinbrüche sein können, stellt aber fest, dass „für viele Landkreise [...] ein direkter Zusammenhang zwischen der Trockenheit und dem beobachteten Ertragsrückgang vermutet werden" kann.

Nutzungskonflikte ums Wasser zeichnen sich ab

Die Bundesregierung schließt nicht aus, dass anhaltende Trockenheit und Dürre auch in Deutschland zu steigender Bewässerung in der Landwirtschaft führen und somit auch Nutzungskonflikte um Wasserressourcen verschärft werden. Sie betont in diesem Zusammenhang, dass die vorliegenden Daten über die Entwicklung der Flächen mit Bewässerungsmöglichkeit sowie der tatsächlich bewässerten Flächen noch keinen klaren Trend erkennen lassen. Der Anteil der Flächen mit Bewässerungsmöglichkeit an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche ist von 2009 bis 2015 deutschlandweit leicht auf 4 Prozent angestiegen. Tatsächlich bewässert wurden in 2015 rund 2,7 Prozent der in landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland. Diese Zahlen berücksichtigen allerdings nicht die besonders trockenen Jahre 2018 und 2019 und können daher noch keine klare Abschätzung liefern.

Die Zahlen zur verwendeten Wassermenge für die landwirtschaftliche Beregnung zeigen indes doch einen klaren Trend: Während in 2007 noch 79 Mio. m³ Wasser für die landwirtschaftliche Beregnung verwendet wurden, waren es in 2016 bereits 242,7 Millionen m³. Die künftigen Entwicklungen müssen also genau beobachtet werden, denn schon heute werden deutschlandweit rund 76 Prozent bewässerten Flächen mit Grundwasser bewässert, so die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage. Ein steigender Wasserbedarf aus der Landwirtschaft steht anderen Nutzungsinteressen wie der öffentlichen Versorgung mit Trinkwasser gegenüber, das zu 74 Prozent aus Grundwasser gewonnen wird.

Dr. Bettina Hoffmann erklärt zur Antwort der Bundesregierung:

"Die Folgen der Klimakrise sind in ganz Deutschland spürbar – wir sind im dritten Dürrejahr in Folge. Nachdem schon die vergangenen beiden Jahre viel zu trocken waren, konnten sich Böden und Pflanzen auch im Frühjahr 2020 nicht erholen. Die Böden sind insbesondere in tiefen Schichten viel zu trocken und die Grundwasserstände sinken.

Die Dürre der letzten Jahre zeigt deutlich, dass die Klimakrise erhebliche Auswirkungen auf unser Leben, unsere Umwelt und unser Wirtschaften hat – selbst wenn es gelingt, den Anstieg der Erdtemperatur auf unter zwei Grad zu begrenzen. Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, müssen alle Wirtschaftsbereiche grundlegend ökologisch modernisiert werden. Wir brauchen aber auch eine klare Strategie, um unsere Umwelt widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise zu machen, die heute schon spürbar sind.

Damit regionale Wasserkreisläufe wieder mehr Wasser führen, muss Wasser in der Landschaft zurückgehalten werden. Dazu zählt die Wiederherstellung funktionsfähiger Auen, die Renaturierung von Mooren oder die Entwicklung naturnaher Laubmischwälder, unter denen sich mehr neues Grundwasser bilden kann. Für die Landwirtschaft brauchen wir eine Neuverteilung der öffentlichen Gelder, die dafür sorgen, dass nicht weiter die reine Ertragsmaximierung im Vordergrund steht, sondern auch der Aufbau gesunder humusreicher Böden. Nur so können diese auch ausreichend Wasser filtern und speichern.

Schon heute zeichnen sich Nutzungskonflikte um unser Wasser ab. Wir brauchen jetzt einen klaren rechtlichen Rahmen für ein nachhaltiges Wassermanagement, das alle Nutzungsansprüche beispielsweise für Versorgung der Bürger*innen, Naturschutz, Bewässerung in der Landwirtschaft, Kühlung in der Industrie oder die Schifffahrt in den Blick nimmt. Um die öffentliche Trinkwasserversorgung langfristig sicherzustellen, muss ihr bereits heute ein klarer Vorrang eingeräumt werden."

Zum Weiterlesen: