Konjunkturspritzen in der Coronakrise

Wir brauchen eine doppelte Rendite!

26 . 05 . 2020

Das Auftreten des Menschen auf der Erde und seine Herrschaft über die Natur haben eine erdgeschichtliche Dimension angenommen. Wissenschaftler sprechen daher vom Anthropozän – dem Menschenzeitalter. Es ist von einem Handeln geprägt, das zu einer Überschreitung der planetaren Grenzen geführt hat. Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung und auch die Corona-Pandemie sind Symptome einer Nachhaltigkeitskrise, mit der sich die Menschheit selbst – ihren Lebensraum, ihre Ernährung und ihre Gesundheit – in Frage stellt.

Die Corona-Pandemie zeigt, was alles nötig ist, um eine existenzielle Krise zu bewältigen. Jetzt gilt es, die Bereitschaft unserer Bürgerinnen und Bürger zu Veränderungen auch als Chance für eine sozial-ökologische Transformation zu begreifen. Sie würden nicht verstehen, wenn ihre Opfer alle umsonst waren, wenn wir in der nächsten Krise wieder bei null anfangen und wenn wir wieder nichts für Natur-, Umwelt- und Klimaschutz getan haben.

Was wir daher brauchen, ist eine doppelte Rendite. Die Konjunkturspritzen zur Abfederung der Corona-Krise müssen zielgerichtet auf Transformationskurs gesetzt werden. Damit wir schon zum Exit ökonomisch wirksame Alternativen haben, müssen ab sofort alle Finanzierungs- und Investitionsprogramme eine nachhaltige Entwicklung fördern, deren Wirkung nachweisbar und messbar ist.

Internationale Vereinbarungen und Instrumente wie die Agenda 2030 mit ihren 17 SDG, die Biodiversitäts-Strategien, das Pariser Klimaabkommen und der europäische „Green Deal" mit einer neuen Wachstumsstrategie sind prädestiniert, den Rahmen zu setzen. Die in der EU-Taxonomie dargelegten sechs EU-Umweltziele „Klimaschutz, Anpassung an die Klimakrise, nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft einschließlich Abfallvermeidung und Recycling, Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung sowie Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme" liefern die Instrumente und Indikatoren. Antragsteller*innen sollten nachweisen, dass eine quantitativ abschätzbare positive Entwicklung der SDG-Indikatoren auf globaler, europäischer und nationaler Ebene zu erwarten ist.

Die Corona-Pandemie hat zudem die Frage nach der Resilienz in den Fokus gerückt. Die Widerstandsfähigkeit unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen steht auf dem Prüfstand. Dass Schutzmasken und viele lebenswichtige Medikamente heute nahezu ausschließlich in Asien hergestellt werden, liegt auch daran, dass unser globalisiertes Wirtschaftssystem auf zu niedrigen Transportkosten basiert, in denen die Umweltkosten bei weitem nicht eingepreist sind sowie auf der extrem ungleichen Entlohnung von Menschen in unterschiedlichen Ländern. Lieferketten müssen daher viel stärker nach sozialen und ökologischen Kriterien geknüpft werden. Die Produktion lebenswichtiger Güter, beispielweise von Medikamenten, muss zurück nach Europa geholt werden. Nicht zuletzt muss eine digital gestützte Kreislaufwirtschaft dafür sorgen, dass wir unseren viel zu hohen Ressourcenverbrauch reduzieren.

Wenn wir über Resilienz reden, müssen wir auch eine ernsthafte Gesundheitsvorsorge einbeziehen. Der Lockdown in der Corona-Krise appelliert an die gesellschaftliche Solidarität und soll vor allem die Risikogruppen schützen. Dazu zählen Menschen mit ernsthaften Vorerkrankungen ebenso wie Allergiker*innen, Raucher*innen und auch Menschen, deren Atemwege durch Luftverschmutzungen wie Stickoxide und Feinstäube vorbelastet sind. Wir müssen alles tun, um alle Menschen dauerhaft davor zu schützen.

Gesunde Menschen haben grundsätzlich höhere Abwehrkräfte, nicht nur gegen Viren und Bakterien. Händewaschen haben wir gelernt, es gilt aber auch gesundes Essen, sauberes Trinkwasser und einen nachhaltigen Lebensstil zu verstetigen. Eine Ausbeutung der Natur, Antibiotika-Resistenzen und hormonaktive Stoffe im Wasser können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen jetzt über die Erhaltung unserer Natur ihrer Selbstwillen, über Verbote von Tabakwerbung und Reserveantibiotika in der Tierhaltung, über eine nachhaltige Mobilität und eine Optimierung unseres Gesundheitssystems reden. 

Der Grundsatz „vorsorgen statt heilen" verpflichtet uns Gesundheitsschutz in allen Politikfeldern zu verankern. Solidarität – das geht auch früher, ohne dass wir unsere Bürgerrechte in Frage stellen müssen.
Die Halbwertszeit unseres Erinnerungsvermögens ist allerdings erschreckend niedrig. Das zeigen uns die gravierenden Auswirkungen vorhergesehener Pandemien, Dürren, Hitzewellen, Waldbrände und Hochwasser. Jedes Mal sind wir nicht ausreichend vorbereitet. Der Ausnahmezustand droht zum Normalzustand zu werden. Was wir daher brauchen, ist eine Erinnerungskultur. Bildung für nachhaltige Entwicklung spielt dabei eine Schlüsselrolle.