Antrag: Belastung durch hormonstörende Chemikalien beenden

Wir brauchen einen Nationalen Aktionsplan zum Schutz vor hormonstörenden Chemikalien

06 . 11 . 2019

Hormonstörende Chemikalien, so genannte endokrine Disruptoren greifen in das Hormonsystem von Menschen und Tieren ein. Die Stoffe können gesundheitsschädliche Effekte hervorrufen, indem sie wie körpereigene Hormone wirken oder deren Wirkung blockieren, und dadurch wichtige Abläufe im Körper zu früh, zu spät oder gar nicht ausgelöst werden.

Die WHO spricht in einem Bericht von 2012 von einer globalen Gesundheitsbedrohung durch hormonstörende Chemikalien und schätzt die gesellschaftlichen Kosten der auf sie zurückzuführenden Krankheitslast in Europa auf 163 Mrd. Euro.

Hormonstörenden Chemikalien ausgesetzt zu sein, kann vor allem in wichtigen Entwicklungsphasen als Fötus, in der Kindheit oder der Pubertät schwerwiegende Folgen haben. Es liegen zahlreiche wissenschaftliche Belege oder Hinweise dafür vor, dass diese Chemikalien in Zusammenhang mit Prostata-, Hoden- und Brustkrebs, Diabetes, Gewichtszunahme, allergischem Asthma, ADHS, Autismus sowie der seit einigen Jahren wieder abnehmenden mittleren Intelligenz in vielen westlichen Ländern stehen. Besonders gut beschrieben ist der Zusammenhang zwischen hormonstörenden Chemikalien und einem früheren Einsetzen der Pubertät, dem Auftreten von Fehlbildungen an männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen und abnehmender Fruchtbarkeit. Bei vielen dieser Krankheiten und Störungen lässt sich in den letzten Jahrzehnten ein Anstieg feststellen. So nimmt die Spermiendichte im Ejakulat von Männern mit westlichem Lebensstil massiv ab und die Brust- und Hodenkrebsrate hat von 1980 bis 2010 deutlicher zugenommen als erwartet.

Die WHO listet rund 800 Chemikalien als hormonstörende Stoffe. Bisphenol A ist eine der meist produzierten Industriechemikalien und wichtiger Bestandteil des Kunststoffs Polycarbonat. Phthalate dienen unter anderem als Weichmacher für die Herstellung des Kunststoffs Polyvinylchlorid (PVC). Sie finden sich in Bodenbelägen, Wickelunterlagen, Verpackungen, Regenkleidung und vielen weiteren Verbrauchsgegenständen. Parabene dienen als Konservierungsstoffe in Kosmetika. Textilien werden mit Flammschutzmitteln wie polybromierten Biphenylen (PBB) behandelt. Per- und polyfluorierte Fluorchemikalien (PFC) werden genutzt, um Papier und Pappe wasser- und fettabweisend zu machen. Zahlreiche hormonstörende Chemikalien sind darüber hinaus die Basis für Pestizide und Biozide. Für Produkte, die diese Chemikalien enthalten gibt es bisher keine Deklarierungspflicht. Es ist daher in der Regel kaum möglich, eine informierte Kaufentscheidung zu treffen.

Wenn hormonstörende Chemikalien einmal im Umlauf sind, sind Menschen und Umwelt ihnen teilweise über Jahrzehnte ausgesetzt. Hormonstörende Plastikinhaltsstoffe wie Weichmacher nehmen wir ständig auf. Sie finden sich bei praktisch allen Kindern im Urin. Bei vielen hormonstörenden Chemikalien sind Kinder höher belastet als Erwachsene.

Die bisherigen Regulierungen auf europäischer und nationaler Ebene sind nicht ausreichend. Es fehlen einheitliche, vorsorgeorientierte Kriterien zur Identifizierung von hormonstörenden Chemikalien. Regulierte Stoffe werden häufig durch andere ersetzt, für die noch keine Bewertung vorliegt, aber ähnliche Wirkungen naheliegen. Zulassungspflichtige und damit nachweislich schädliche Stoffe bleiben auf dem Markt, so lange nicht über ihre Zulassung entschieden wurde. Insbesondere über den internationalen Versandhandel gelangen Produkte, die nach EU-Recht verbotene Chemikalien enthalten, weiterhin auf unseren Markt.

In unserem Antrag „Belastung durch hormonstörende Chemikalien beenden" fordern wir deshalb von der Bundesregierung, nach dem Vorbild Frankreichs einen Nationalen Aktionsplan zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt vor hormonstörenden Chemikalien vorzulegen.

Der Aktionsplan soll unter anderem Aufklärungskampagnen, die Veröffentlichung einer kontinuierlich aktualisierten Liste von identifizierten oder verdächtigen hormonstörenden Chemikalien sowie regelmäßige Analysen von Importprodukten auf verbotene hormonstörende Chemikalien umfassen. Wenn bei Produkten Grenzwerten überschritten oder verbotene hormonstörende Chemikalien nachgewiesen werden, sollen sie durch konsequente Rückrufe aus dem Verkehr gezogen werden.

Bei einigen Stoffen fordern wir, dass Deutschland seinen rechtlichen Spielraum nutzt, und etwa ein Verbot von Bisphenol A in Lebensmittelbedarfsgegenständen durchsetzt, wie es in Frankreich bereits besteht. Auch ein Verbot von Per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) in Lebensmittelbedarfsgegenständen aus Pappe und Papier ist nötig, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.
Auf EU-Ebene muss sich die Bundesregierung unter anderem dafür einsetzen, dass schnellstmöglich alle bekannten möglichen hormonstörenden Chemikalien durchgeprüft und reguliert sind. Das Ziel muss sein, dass Stoffe mit schädlichen Eigenschaften nicht mehr verwendet werden dürfen.

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