Klimaschutz in der Medikamentenversorgung

Welche Schritte in derApothekenbranche jetzt sinnvoll sind

02 . 10 . 2019

Der Klimaschutz betrifft alle Wirtschaftssektoren, auch die Apotheken-Branche ist hier keine Ausnahme. In einem Interview mit der Deutschen Apotheker Zeitung gibt Bettina Hoffmann Aufkunft auf die Fragen, wie die Apotheken-Branche klimafreundlicher werden kann, welche neuen Regeln wir für den Versandhandel brauchen und warum die Präsenzapotheken unverzichtbar bleiben. 

 

Frau Hoffmann, Sie sind in der AG Gesundheit der Grünen-Fraktion für Fragen rund um den Klimaschutz zuständig. Eine Grundsatzfrage: Sollte der Gesundheitsbereich nicht grundsätzlich ausgeklammert werden beim Klimaschutz? Gilt hier also das Prinzip: Gesundheit geht vor Klima?

Um unsere im Paris-Abkommen vereinbarten Klimaziele zu erreichen, wird es Veränderungen in allen Branchen geben, die Gesundheitsbranche und die Logistikbranche sind da sicher keine Ausnahme. Ich möchte vor allem betonen, dass es beim Schutz von Klima und Gesundheit sehr viele Win-Win-Situationen gibt. Viele Maßnahmen, die für das Klima gut sind, schützen auch unsere Gesundheit. Autos mit E-Antrieb stoßen keine schädlichen Diesel-Abgase aus. Die Förderung von Rad- und Fußwegen sorgt für mehr Bewegung. Und wer sich klimafreundlich ernährt, isst auch gesünder. Dieser Zusammenhang steht für mich in Fokus, wenn ich an die Themen Gesundheit und Klima denke.

Wir haben zuletzt den Klimaschutz in der Arzneimittelversorgung thematisiert. Beginnen wir beim Versandhandel: Jedes Jahr legen die von den Versendern beauftragten Logistikunternehmen Millionen von Straßenkilometern zurück. Das hat nicht nur über das Klima indirekte Folgen für die Gesundheit der Menschen, sondern wegen der Abgase auch sehr direkte Auswirkungen. Sollten nicht gerade die Grünen den Versandhandel daher reduzieren wollen?

Die explodierende Zahl der Online-Bestellungen bringt in der Tat Probleme mit sich. In den Städten drehen dreckige Diesel-Sprinter mehrmals am Tag ihre Runde durch Wohngebiete. Der Verbrauch von Verpackungsmüll nimmt drastisch zu. Viele stationäre Läden gerade auf dem Land verlieren Kunden und schließen. Es ist auch bekannt, dass die Gehälter bei den Lieferdiensten oft nicht gut sind. Kurzum: Viele gesundheitliche, soziale und ökologische Kosten wälzt der Versandhandel im Allgemeinen derzeit auf die Gesellschaft ab. Wir brauchen neue Regeln, damit sich das ändert.

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um das zu ändern?

Ein gesetzliches Abfallvermeidungsziel, ein Ende des Steuerdumpings bei Versandriesen, ein Vernichtungsverbot für neuwertige Retouren zum Beispiel.

Insbesondere bei OTC-Arzneimitteln nutzen ja immer mehr Menschen den Versandhandel. Ist aus Ihrer Sicht vielleicht auch ein Umdenken in der Gesellschaft notwendig, damit die Leute wieder häufiger in die Apotheke gehen und so auch das Klima schützen?

Ich glaube nicht, dass Appelle an einzelne Menschen das Problem lösen. Die Digitalisierung hält überall Einzug, das werden und wollen wir auch nicht verhindern. Es geht eher darum, die politischen Rahmenbedingungen an die neue Lage anzupassen. Wir wollen die Vor-Ort-Apotheke von innen stärken. Nicht, indem wir den Versandhandel verteufeln, sondern in dem wir die Präsenzapotheke durch das Setzen neuer Schwerpunkte unverzichtbar machen. Nach wie vor ist die Apotheke der Ort, an den die Menschen zuerst gehen, wenn sie einen medizinischen Rat benötigen. Dieser einfache Zugang ist ungemein wertvoll, ebenso die Notfallversorgung auch am Wochenende oder an Feiertragen. Die Beratung und die pharmazeutische Expertise, die uns in der Präsenzapotheke geboten wird, kann kein Versandhandel der Welt bieten.

Dann bräuchte man den Versandhandel doch eigentlich gar nicht...

Fakt ist doch: Der Versandhandel ist für viele Menschen eine Entlastung. Ohne Zweifel ist es bequem von zu Hause aus genau das Produkt zu bestellen und sich liefern zu lassen, das man haben möchte. Etwa für mobilitätseingeschränkte oder chronisch kranke Menschen, die bestimmte Medikamente regelmäßig benötigen. Immer mehr junge Menschen verzichten auch auf ein eigenes Auto. Da ist es natürlich, dass sie sich häufiger liefern lassen. Das ist nicht unbedingt schlecht.

Im aktuellen „Klimapaket" der Bundesregierung geht es ja an keiner Stelle um Lieferdienste oder den Versandhandel. Wie kommentieren Sie das? Würden Sie sich hier mehr Engagement wünschen?

Ohne Zweifel muss die Bundesregierung mehr für den Klimaschutz im Logistikbereich tun, darauf warten wir seit Jahren. Es ist nicht nachvollziehbar, dass das Klimapaket der Bundesregierung für diesen Sektor keine Maßnahmen enthält, die schnell und wirksam sein werden. Treibhausgase, die beim Transport von Waren entstehen, brauchen ein Preisschild, der die gesellschaftlichen Kosten durch Schäden an der Gesundheit und am Klima abbildet. Das gilt insbesondere auch für den Versandhandel.

Allerdings sitzen ja die größten Versender im Ausland und müssen hierzulande manche Steuern gar nicht bezahlen. Der „Zugriff" deutscher Gesetzgebung ist somit ohnehin begrenzt. Ist das nicht ungerecht?

Auf jeden Fall. Es ist ein klarer Wettbewerbsnachteil, wenn ein Versandriese weniger Steuern zahlt als die Apotheke um die Ecke. Deshalb muss jetzt auf EU-Ebene mit voller Kraft an der Einführung einer Digitalsteuer gearbeitet werden, wie sie Macron vorgeschlagen hat. Leider ist die die Bundesregierung bei diesem Thema mehr Bremsklotz als Schrittmacher.

Auch hierzulande werden Apotheken mehrfach täglich von Großhändlern beliefert, auch so entstehen Millionen von Straßenkilometern. Ihr CDU-Kollege Michael Hennrich hat zuletzt hinterfragt, ob man die Anzahl der Touren nicht reduzieren könnte. Wie sehen Sie das?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Menschen die beste Versorgung mit notwendigen Medikamenten zu jeder Zeit bekommen. Eine gesetzliche Regelung zur Regelung der Touren halte ich derzeit für falsch. Es ist schlicht ein ehrlicher CO2-Preis notwendig. Dieser hätte Lenkungsfunktion. Wenn der einzelne Kilometer die Kosten für das Klima korrekt abbildet, dann macht es auch betriebswirtschaftlich Sinn, mehrere Lieferungen zusammen zu fassen oder dezentrale Lager zu schaffen, die ebenfalls eine schnelle Lieferung gewährleisten.

Wenn es höhere CO2-Preise geben soll, damit auch im Großhandel seltener mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge genutzt werden, muss es eine Alternative geben – die Menschen müssen ja mit Arzneimitteln versorgt werden. Welche alternativen Mobilitätsideen haben Sie?

Die Praxis der täglichen Mehrfach-Lieferungen von Pharmagroßhändlern ist mit den Jahren gewachsen. Grundsätzlich lohnt es sich ab und zu mal gewachsene Strukturen oder Verhaltensweisen zu überdenken. Ich fände es gut, wenn sich die Apotheken mit den Großhändlern an einen Tisch setzen, und das Problem gemeinsam besprechen. Die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln würde wohl nicht gefährdet, wenn der Großhändler nur dreimal am Tag liefern würde. Tatsächlich gibt es durchaus Pharmagroßhändler, die weniger Touren fahren. Vielleicht ist es auch möglich, Liefer-Kooperationen zwischen den Großhändlern einzugehen. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen dazu müssen aber von den Firmen selber getroffen werden.

Laut ABDA profitieren im Jahr etwa 250.000 Menschen, die nicht mobil sind, von Apotheken-Botendiensten. Sollten Apotheken vielleicht Anreize für den Kauf eines E-Mobils erhalten, um auch hier die Treibhausgase zu reduzieren?

Zunächst: Die Stärkung des Botendienstes als eine Versorgungsform der Präsenzapotheken halte ich für sehr sinnvoll. Das ist besonders wichtig im ländlichen Raum. Der Botendienst ist zudem eine echte Alternative zur Versandapotheke, denn die Wege sind kürzer. Ideen zur Vermeidung von CO2 auf kurzen Strecken gibt es viele. Wir Grüne schlagen in der Tat eine Umstellung der Kfz-Steuer mit einem deutlichen Bonus für E-Autos vor. Daneben brauchen wir auch mehr Investitionen in ein Netz von Ladesäulen. Für die Logistik innerhalb der Stadt bieten auch Lastenräder mit Elektroantrieb große Chancen. Sie sind eine echte Alternative zu den vielen Kleintransportern, die unsere Innenstädte verstopfen. Wir Grünen wollen die Verlagerung von Transporten aufs Rad unterstützen und dazu ein Bundesprogramm starten, mit dem 250.000 Lastenräder gefördert werden. In Berlin beliefern verschiedene Paketdienste bereits Mikro-Depots und teilen sich dann die Kosten für die Lieferung auf der letzten Meile per E-Lastenrad. Solche Entwicklungen müssen weiter gefördert werden.