Deutschland Spitze beim Papierverbrauch

Es fehlt ein Abfallvermeidungsziel, das Papier umfasst

07 . 10 . 2019

Papier ist immer noch ein Produkt, das bei der Produktion Wasser, Energie und Holz verbraucht. Mit einer Kleinen Anfrage hat sich Bettina Hoffmann bei der Bundesregierung erkundigt, wie es um den Verbrauch von Papier, Pappe und Karton in Deutschland steht. Die volle Antwort der Bundesregierung ist hier nachzulesen. Die wichtigsten Ergebnisse finden sind auf dieser Seite zusammengestellt.

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Papier, Pappe und Karton ist in Deutschland so hoch wie in keinem anderen G20-Land. Gerade die rasant steigenden Verpackungsmengen im Onlinehandel tragen zum hohen Verbrauch bei.

Pro Kopf-Verbrauch von Papier, Pappe und Karton in Deutschland an Spitze der G20-Länder. Deutschland liegt innerhalb der G20 beim rechnerischen Pro-Kopf-Verbrauch an Papier, Pappe und Karton auf Platz 1. In Deutschland beträgt er 241,7 kg pro Kopf, in den USA 210,8 kg pro Kopf. Im EU-Schnitt sind es 182,1 kg pro Kopf, in Frankreich 133,5 kg pro Kopf, in China 74 kg pro Kopf, in Indien 13,0 kg pro Kopf. Innerhalb der EU liegt Deutschland auf Platz 4. In den letzten Jahren stagniert der Pro-Kopf-Papierverbrauch in Deutschland auf sehr hohem Niveau bzw. nimmt allen falls leicht ab. Eine klar abnehmende Tendenz ist nicht erkennbar.

Papierverbrauch im Versandhandel explodiert, seit 1991 Steigerung um mehr als das Sechsfache. Das Aufkommen von Papierverpackungen lag 1991 bei 69,7 kg pro Kopf, 2016 bei 96,3 kg pro Kopf. Der jährliche Verbrauch von Papier-, Pappe- und Kartonagenverpackungen (PPK) des Versandhandels hat sich in den letzten 20 Jahren vervielfacht. 1996 wurden 120.000 t Verpackungen aus Papier, Pappe oder Karton im Endverbraucher-Distanzhandel verbraucht, 2015 waren es 769.000 t.

Trotz hoher Recyclinganteile in Deutschland: Solange der Papierverbrauch nicht deutlich sinkt, sind weiterhin große Mengen an Holz und Energie notwendig.

Die Altpapiereinsatzquote in Deutschland liegt bei 76 Prozent. Der Altpapieranteil des tatsächlich verbrauchten Papiers liegt aber schätzungsweise bei unter 60 Prozent. Die Altpapiereinsatzquote der deutschen Papierindustrie ist seit dem Jahr 1990 kontinuierlich von 49 Prozent auf 76 Prozent angestiegen. Allerdings: Der Altpapieranteil am tatsächlich verbrauchten Papier in Deutschland liegt "schätzungsweise [...] immer noch unter 60 Prozent." Dies liegt daran, dass Deutschland viel Papier aus Länder mit geringer Altpapiereinsatzquote importiert (etwa 2,1 Mio. t aus Finnland (Altpapiereinsatzquote von 6 Prozent) und 2,2 Mio. t aus Schweden (Altpapiereinsatzquote von 11 Prozent)) und von dem in Deutschland produzierten Papier mit hohem Recycling-Anteil viel exportiert wird.

Rechnerischer Waldbedarf für deutsche Papierproduktion: 40.000 Fußballplätze. Würden alle Papierholznutzungen einer ideellen Endnutzungsfläche zugerechnet, würden für die Papierproduktion in Deutschland 40.000 ha benötigt werden. Auch wenn andere Nutzungen den Wald deutlich stärker strapazieren, werden in Europa bis zu 22,5 Prozent der Holzentnahme zur Produktion von Papier, Pappe und Karton bzw. deren Vorprodukte verwendet. Weltweit liegt dieser Anteil bei bis zu 18,2 Prozent, in Deutschland sind es bis zu 13 Prozent. Die Bundesregierung weist darauf hin, dass es Hinweise gibt, dass die Rohholzproduktion deutlich unterschätzt wird. Dies würde dazu führen, dass die tatsächlichen Anteile deutlich niedriger lägen.

Deutschland importiert über eine Million Tonnen Zellstoff aus Brasilien. Die Importmengen von Papier, Pappe und Karton („Paper and paperboard") liegen seit dem Jahr 2015 bei etwa 11,8 Mio. t und sind 2018 erstmals wieder leicht rückläufig. Die Haupt-Ursprungsländer sind Schweden, Finnland und Österreich. Die Importmengen von Zellstoff für die Papierproduktion („Pulp for paper") liegen bei ca. 4,3 Mio. t. Das Haupt-Ursprungsland ist Brasilien mit 1,06 Mio. t und Schweden mit 0,95 Mio. t. Die Exportmengen von Papier, Pappe und Karton („Paper and paperboard") zeigen einen wachsenden Trend und lagen im Jahr 2018 bei etwa 14,4 Mio. t. Die Haupt-Zielländer sind Polen, Frankreich, die Niederlande und Italien.

Papierproduktion in Deutschland steigt seit 1990. Der Energieverbrauch auch, aber weniger. Der Gesamtenergieeinsatz der deutschen Papierindustrie hat sich seit 1990 ungleichmäßig um etwa 37,5 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum ist die Gesamtproduktion um ca. 77,5 Prozent gestiegen. Im Durchschnitt werden nach Angaben des VDP aktuell 2,65 kWh je Kilogramm Papier verbraucht.

1 kg Papier = 609 g CO2. Die durchschnittlichen CO2-Emissionen für die Herstellung von einem Kilogramm Papier in deutschen Papierfabriken betragen nach Angaben des VDP 609 g CO2 (fossil)/kg Papier, das entspricht insgesamt 13.808.489 t CO2 für das Jahr 2018.

Die Bundesregierung hat keine Ambitionen, den Papierverbrauch in Deutschland zu reduzieren. Ein erster Schritt wäre es, den Papierverbrauch in der Bundesregierung und Bundesverwaltung runterzufahren.

Der Papierverbrauch der Bundesregierung (incl. Ministerien und deren Geschäftsbereiche) beträgt über eine Milliarden Blatt Papier pro Jahr. Ein Reduktionsziel besteht nicht. Die Bundesregierung erfasst ihren Papierverbrauch erst seit 2015. Seit dem ist noch kein eindeutiger Trend erkennbar. 2015 waren es 1,15 Mrd. Blatt Papier, 2018 1,05 Mrd. Blatt Papier, in den Jahren dazwischen über 1,2 Mrd. Blatt Papier. Bisher gibt es im Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit kein Ziel zur Reduzierung des Papierverbrauchs.
Die Bundesregierung hat bisher keine explizit auf die Senkung des Papierverbrauch abzielenden gesetzlichen Maßnahmen ergriffen, um den Verbrauch im Versandhandel zu senken oder Mehrweglösungen zu fördern, um den Pro-Kopf-Papierverbrauch in Deutschland zu senken. Die Bundesregierung will auch kein nationales Verbrauchsziels für Papier einführen.

Die Bundesregierung erwartet eine Abfallvermeidung für den Fall, dass ein Opt-In-Verfahren für unverlangt zugestellte Briefkastenwerbung eingeführt werden würde. Die Meinungsbildung innerhalb der Bundesregierung zur Frage, ob ein solches System eingeführt werden sollte, ist noch nicht abgeschlossen. Wörtliche Antwort der Bundesregierung: „Die Meinungsbildung innerhalb der Bundesregierung zu dieser Frage ist noch nicht abgeschlossen. Bei einer gesetzlich vorgesehenen Opt-In-Lösung würde voraussichtlich nur eine geringe Zahl von Verbraucherinnen und Verbrauchern ihre Zustimmung zur Zusendung von Werbebriefen erklären. Da hierdurch Abfälle vermieden werden könnten, wäre eine Opt-in-Lösung grundsätzlich im Sinne des Abfallvermeidungsprogramms und der Abfallhierarchie. Fraglich ist jedoch, ob eine solche Regelung im Hinblick auf die damit verbundene Einschränkung der Freiheit der kommerziellen Kommunikation angemessen ist. Insbesondere für Unternehmen aus der örtlichen Umgebung stellt Briefkastenwerbung ein wichtiges Instrument der Absatzförderung dar."

Bettina Hoffmann kommentiert die Antwort der Bundesregierung wie folgt:

"Dass bei der Papierproduktion in Deutschland viel Altpapier eingesetzt wird, sollte nicht den Fakt verdrängen, dass Deutschland beim pro Kopf Verbrauch von Papier, Pappe und Karton weltweit in der Spitzengruppe liegt. Papier ist immer noch ein Produkt, das bei der Produktion Wasser, Energie und Holz verbraucht. Wir sollten deshalb sparsam damit umgehen.

Wichtig ist, dass die Bundesregierung den Verbrauch von Papier und Pappe in einem Gesamtkonzept zur Abfallvermeidung mitdenkt. Bisher ist dies nicht der Fall. Leider hat die Bundesregierung auch keine Ambitionen, dem explodierenden Verbrauch von Papier- und Pappe bei Verpackungen im Versandhandel zu begegnen.

Ich fordere von der Bundesregierung ein gesetzlich verankertes Abfallvermeidungsziel, das auch Papier und Pappe umfasst. Konkrete Schritte zur Vermeidung von Papiermüll wären eine deutlich stärkere Förderung von Mehrwegsystemen im Versandhandel und eine Abgabe auf Einwegverpackungen wie Coffee-to-go-Bechern oder Take-away-Essensverpackungen. Denn auch diese Verpacken enthalten oft viel Papier.

Auch die Bundesregierung muss endlich mit gutem Beispiel vorangehen und sich ein eigenes Reduktionsziel setzen. Immerhin verbrauchen die Bundesministerien und Bundesbehörden jedes Jahr eine Milliarde Blatt Papier.

Die Idee eines Opt-In-Verfahrens zur Vermeidung von unerwünschter Werbung sollte weiter geprüft werden. Wünschenswert ist eine Lösung, die die heutige Papierverschwendung eindämmt, aber auch kleinen regionalen Unternehmen weiterhin die Möglichkeit lässt, für ihre Produkte und Dienstleistungen zu werben."

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