Fast alle Kinder mit Weichmacher-Rückständen belastet

Wir brauchen ein strengeres Chemikalienrecht

14 . 09 . 2019

Fast alle Kinder und Jugendlichen haben Abbauprodukte von Plastikinhaltsstoffen im Urin. Das antwortet die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bettina Hoffmann. Rückstände von Weichmachern und Bisphenol A wurden im Urin von 97 bis 100 Prozent der 2500 untersuchten Kinder und Jugendlichen gefunden. Die Daten stammen aus der Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GerES V), deren Ergebnisse die Bundesregierung bisher noch nicht vollständig veröffentlicht hat.

Kinder höher belastet als Jugendliche

Bei den meisten Inhaltsstoffen waren 3- bis 5-Jährige höher belastet als Jugendliche und Erwachsene. Die gemessene Konzentration der meisten Abbauprodukte von Plastikinhaltsstoffe ist relativ gering. Das ist jedoch nicht automatisch Grund zur Entwarnung. Viele dieser Stoffe stehen in Verdacht, unter anderem Krebs, Diabetes, Fruchtbarkeitsstörungen, Autismus und ADHS auslösen zu können.

Bei Weichmachern fehlt Bewertungsmaßstab für die Gesundheitsgefahr

Grund zur Sorge ist auch, dass nur für einen Teil, der bei Kindern und Jugendlichen nachgewiesenen Chemikalien, überhaupt ein fundierter Maßstab existiert, an dem die Gefährlichkeit der Stoffe für die Gesundheit bewertet werden kann. Dazu kommen Wissenslücken über Kombinationseffekte: Bisher ist viel zu wenig erforscht, wie die vielen in jeweils geringer Konzentration nachgewiesenen Stoffe in ihrer Summe auf uns wirken.

Langfristige Schäden für die Gesundheit können nicht sicher ausgeschlossen werden

Eine hohe Konzentration wurde bei der Chemikalie PFOA nachgewiesen. Diese Industriechemikalie kann als Rest oder Verunreinigung in Antihaftbeschichtungen von Lebensmittelkontaktmaterialien wie Pfannen oder in der Beschichtung von Outdoorbekleidung vorkommen. Bei PFOA lagen bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen die gemessenen Konzentrationen über dem sogenannten HBM-I-Wert. Ab diesem Wert können gesundheitliche Wirkungen nach heutigem Stand des Wissens nicht mit ausreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.

Unser Körper muss vor giftigen Stoffen geschützt werden

Die Antworten der Bundesregierung zeigen: Gifte, die einmal in der Welt sind, kommen so schnell aus unserem Körper nicht hinaus. Wir wollen deshalb alles daran setzen, die Menschen vor schädlichen Chemikalien zu schützen. Wir fordern strengere Zulassungsverfahren für neue Chemikalien auf EU-Ebene und wirksame Sanktionen, wenn Unternehmen die Zulassungsverfahren verzögern oder unvollständige Daten abliefern. Es darf nicht sein, dass Stoffe, die als gefährlich eingestuft werden, durch ähnliche Chemikalien mit ebenfalls bedenklichen Eigenschaften ersetzt werden.

Mehr Forschung und Transparenz nötig

Es ist schockierend, wie groß die Wissenslücken zur Belastung der Menschen mit Chemikalien sind. Wir wollen die Forschungsgelder für diesen Bereich erhöhen und ab sofort regelmäßig die Belastung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Schadstoffen messen. Eine solide Datenlage ist notwendig, um politisch entschieden die Konsequenzen zu ziehen - zum Schutz von Mensch und Umwelt.

Liegen neue Erkenntnisse über Stoffe vor, wollen wir sie schnell vom Markt nehmen können. Wir setzen uns dafür ein, dass Bürgerinnen und Bürger zeitnah und vollumfänglich über die Daten der Bundesregierung zur menschlichen Schadstoffbelastung informiert werden. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Bundesregierung die Ergebnisse nach zwei Jahren immer noch nicht der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat.

Bettina Hoffmann erklärt zum Thema:

„Die Zahlen sind alarmierend. Es kann nicht sein, dass jedes vierte Kind zwischen drei und fünf Jahren so stark mit Chemie aus Alltagsgegenständen belastet ist, dass langfristige Schäden nicht sicher ausgeschlossen werden können.

Unser Körper darf nicht zu einem Plastik-Müllplatz werden. Es ist besorgniserregend, dass besonders kleine Kinder und Jugendliche in den wichtigen Entwicklungsphasen mit Plastikrückständen belastet sind. Die im Urin praktisch aller Kinder und Jugendlichen nachgewiesenen Abbauprodukte von Plastikinhaltsstoffen sind keine Lappalie. Sie stehen in Verdacht, unter anderem Krebs, Diabetes, Fruchtbarkeitsstörungen, Autismus und ADHS auslösen zu können. Dass die jeweils nachgewiesenen Konzentrationen gering sind, ist nicht automatisch Grund zur Entwarnung. Bisher ist zu wenig erforscht, wie die vielen nachgewiesenen Stoffe in ihrer Summe auf unsere Körper wirken.

Die Antworten der Bundesregierung zeigen: Gifte, die einmal in der Welt sind, kommen so schnell aus unserem Körper nicht hinaus. Die Bundesregierung muss alles daran setzen, die Menschen vor schädlichen Chemikalien zu schützen. Vorsorge ist eine Verpflichtung. Wir fordern die Bundesregierung auf, sich auf EU-Ebene für strengere Zulassungsverfahren für neue Chemikalien einzusetzen. Es braucht wirksame Sanktionen, wenn Unternehmen die Zulassungsverfahren verzögern oder unvollständige Daten abliefern. Es darf nicht vorkommen, dass Stoffe, die als gefährlich eingestuft werden, durch ähnliche Chemikalien mit ebenfalls bedenklichen Eigenschaften ersetzt werden. Liegen neue Erkenntnisse über Stoffe vor, müssen sie schnell vom Markt genommen werden können. Die Verfahren dazu dauern viel zu lange.

Es ist schockierend, wie groß die Wissenslücken zur Belastung der Menschen mit Chemikalien sind. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Forschungsgelder für diesen Bereich zu erhöhen und ab sofort regelmäßig die Belastung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu messen. Eine solide Datenlage ist notwendig, um politisch entschieden die Konsequenzen zu ziehen - zum Schutz von Mensch und Umwelt.
Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Bundesregierung die Ergebnisse nach zwei Jahren immer noch nicht der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat. Bürgerinnen und Bürger müssen zeitnah vollumfängliche Informationen bekommen, damit sie sich und ihre Kinder vor Belastungen schützen können."

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