Klimakrise: Auch in Deutschland drohen Nutzungskonflikte ums Wasser

Kleine Anfrage "Mengenmäßiger Grundwasserzustand und Nutzungskonkurrenzen"

16 . 09 . 2019

Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Mengenmäßiger Grundwasserzustand und Nutzungskonkurrenzen" von Bettina Hoffmann ergibt:

Durch die Klimakrise drohen auch in Deutschland Nutzungskonflikte ums Wasser

Im eigentlich wasserreichen Deutschland sind insgesamt 4 Prozent aller Grundwasserkörper in einem schlechten mengenmäßigen Zustand (Stand 2015). Das heißt, es bildet sich weniger Grundwasser neu als genutzt wird. Durch die Klimakrise und langanhaltende Dürreperioden mit nur geringen Niederschlagsmengen kann es in einigen Regionen Deutschlands zu dauerhaft sinkenden Grundwasserständen kommen. So schreibt die Bundesregierung: „Bereits heute ist die Grundwasserneubildung in Teilen Thüringens, Sachsen-Anhalts und Sachsens sowie Brandenburgs vergleichsweise niedrig." Und weiter: „In betroffenen Regionen könnten aus einer zunehmenden Wasserknappheit und häufigen Dürren künftig regional Konflikte um die Nutzung vor allem oberflächennaher Wasserressourcen entstehen."

Das erhöht auch den Druck auf die Grundwasserressourcen, die stärker in Anspruch genommen werden müssen, um die Wasserbedarfe decken zu können. Auch die Bundesregierung rechnet mit einer steigenden Nutzung der Grundwasservorräte: „Infolge des Klimawandels erwartet die Bundesregierung Auswirkungen auf die Grundwasserneubildungsrate sowie das Grundwasserdargebot und eine stärkere Nutzung der Grundwasservorräte."

Die mit Abstand größten Wasserverbraucher sind Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke. Hier wird Wasser für die Kühlung benötigt. Über die Hälfte der gesamten Wasserentnahme in Deutschland werden durch die fossile oder atomare Energiewirtschaft genutzt. Fast die gesamte Wasserentnahme dafür erfolgt aus Oberflächengewässern.

Dürre und sinkende Wasserstände können chemischen Zustand des Grundwassers weiter verschlechtern

Trockenheit und Ernteausfälle führen einerseits zu höheren Stickstoffüberschüssen, die zu steigenden Nitrateinträgen in das Grundwasser führen können. Andererseits steigt die Konzentration von Schadstoffen bei abnehmenden Wassermengen.  Sinkende Grundwasserstände können auch dazu führen, dass beispielsweise Moore, die für die Bindung von CO2 wichtig sind, geschädigt werden und CO2 freisetzen.

Wasserverbrauch der Landwirtschaft: Beregnungsfläche könnte sich verzehnfachen

Für das Berichtsjahr 2016 gibt die Bundesregierung die für die landwirtschaftliche Beregnung verwendete Wassermenge mit 242,7 Millionen m³ an. Das entspricht knapp einem Prozent der gesamten Wasserentnahme für den Berichtszeitraum. Der Verbrauch schwankt über die Jahre, insgesamt ist aber ein steigender Trend zu beobachten. Mit dem Thema befasste Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die künftige Entwicklung hier genau beobachtet werden sollte.

Derzeit werden in Deutschland rund drei Prozent der landwirtschaftlichen Flächen beregnet. Das Wasser für die landwirtschaftliche Beregnung wird bundesweit zu 85 Prozent aus Grund- und Quellwasser gewonnen, rund 15 Prozent stammen aus OberflächengewässernDeutschlandweit ist nach Meinung von Expert*innen mit einer Verzehnfachung der Beregnungsfläche innerhalb der nächsten 30 Jahre zu rechnen. Um den wachsenden Beregnungsbedarf zu decken müsste auch mehr Grundwasser entnommen werden, regional könnte der Anteil des Beregnungswassers bis zu 50 Prozent der Grundwasserneubildung ausmachen. Dieser steigende Wasserbedarf aus der Landwirtschaft steht anderen Nutzungsinteressen wie der öffentlichen Versorgung mit Trinkwasser gegenüber, das zu 74 Prozent aus Grundwasser gewonnen wird.

Der Anbau von Sommergemüse, Salat oder Obst könnte zukünftig nur noch möglich sein, wenn die entsprechenden Felder beregnet werden. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts könnte die Niederschlagsmenge in Deutschland im Mittel um 21 Prozent niedriger liegen als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, trockene Jahre wie 2018 oder 2019 könnten dann die Regel sein. Zudem führen steigende Temperaturen zu einer höheren Verdunstung, wodurch weniger Wasser für die Pflanzen zur Verfügung steht.

Szenarien für Nordrhein-Westfalen zeigen, dass der durchschnittliche Beregnungsbedarf bis zum Ende des Jahrhunderts um ein Zwanzigfaches steigen könnte. Auch in den ostdeutschen Bundesländern, die heute schon von geringen Niederschlägen betroffen sind, wird der Beregnungsbedarf weiter steigen, um eine landwirtschaftliche Nutzung aufrecht zu erhalten. Aufgrund sinkender Niederschlagsmengen in den Sommermonaten und steigenden Temperaturen bis zur Mitte des Jahrhunderts, ist die landwirtschaftliche Flächennutzung in großen Teilen der neuen Bundesländer ohne zusätzliche Beregnung in Frage gestellt.

Einige Regionen und Landkreise haben im Sommer 2019 die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern für die landwirtschaftliche Beregnung eingeschränkt oder untersagt. Der Landkreis Osnabrück in Niedersachsen hat bis zum 31. Oktober die Beregnung von privaten und öffentlichen Grünflächen in der Zeit von 12 bis 18 Uhr untersagt, um so der Verdunstung von Wasser vorzubeugen.

Ökologische Landwirtschaft verbraucht weniger Wasser

Ökologische Landwirtschaft kann dazu beitragen, den Bewässerungsbedarf der Landwirtschaft zu senken. Vielfältige Fruchtfolgen mit einem häufigen Wechsel der angebauten Pflanzen tragen dazu bei, die Fruchtbarkeit der Böden besser zu erhalten. So bleiben die Böden aufnahmefähiger für Wasser und können das Wasser länger speichern. Berechnungen des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Österreich zeigen, dass der ökologische Landbau den Wasserbedarf durchschnittlich um 15 Prozent senkt. Besonders große Einsparungspotenziale gibt es demnach vor allem bei Gemüsesorten wie Zucchini oder Karotten, hier könnten durch ökologische Bewirtschaftung bis zu 25 Prozent Wasser eingespart werden.

 

Zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage "Mengenmäßiger Grundwasserzustand und Nutzungskonkurrenzen" erklärt Bettina Hoffmann:

"Die Szenarien und Prognosen der Bundesregierung sprechen eine klare Sprache: Die Klimakrise stellt unsere Wasserversorgung vor immer größere Herausforderungen. Schon in den extrem trockenen Sommern 2018 und 2019 kam es lokal zu Wasserknappheit oder extremem Niedrigwasser in Flüssen und Seen.

Insbesondere die Landwirtschaft wird mehr und mehr Wasser benötigen. Das kann zu Nutzungskonflikten ums Wasser führen. Die Bundesregierung muss ihre bisherigen Vorkehrungen noch intensivieren und entschiedener vorantreiben, um die öffentliche Trinkwasserversorgung langfristig sicherzustellen. Künftig muss ein klarer Vorrang für die Trinkwasserversorgung gelten. Die Erteilung von wasserrechtlichen Erlaubnissen sollte an den Klimaszenarien ausgerichtet werden.

Die Erstellung präziser Grundwasserbilanzen wird durch die Bundesregierung gefördert, umso ärgerlicher ist es, dass die Erkenntnisse und Methoden in politischen Entscheidungen nicht berücksichtigt werden. Sie müssen bei wasserrechtlichen Entscheidungen zu Grunde gelegt werden, damit die Grundwasserressourcen nicht langfristig überstrapaziert werden.

Die weitere Förderung des Ökolandbaus ist ein gutes Rezept, um Grundwasserressourcen vorsorgend zu schonen. Ökolandbau kann den Wasserbedarf für Lebensmittel um durchschnittlich 15 Prozent senken. Die Bundesregierung muss endlich ihr selbstgestecktes Ziel von 20 Prozent Öko-Betrieben in Deutschland erreichen.

Ein schneller Kohleausstieg kann unmittelbar dazu beitragen, unsere wichtigen Wasserressourcen zu schonen. Je weniger Kohle verbrannt wird, desto weniger Wasser wird für die Kühlung in Kraftwerken benötigt.

Angesichts der Klimakrise und drohender Wasserengpässen zeigt sich einmal mehr, dass die Bundesregierung unser Wasser besser vor Umweltgiften schützen muss. Schon heute sind über ein Drittel der Grundwasserreserven in einem chemisch schlechten Zustand, durch sinkende Grundwasserstände könnten die Schadstoffkonzentrationen im Wasser sogar noch steigen. Je stärker die Wasserressourcen verschmutzt sind, desto weniger Grundwasser steht für die Nutzung zur Verfügung."

Hintergrund: