Bundesregierung schummelt bei der Recyclingquote

Titel "Recycling-Weltmeister" nicht verdient

17 . 10 . 2018

Nach Angaben der Bundesregierung auf eine Schriftliche Frage von Bettina Hoffmann lag die stoffliche Recyclingquote von bei Verbraucherinnen und Verbrauchern anfallenden Kunststoffabfällen im Jahr 2015 bei 38 Prozent. So gut wie der gesamte Rest wird verbrannt. Diese offizielle Recyclingquote ist allerdings schöngerechnet und mindestens irreführend. Denn sie erfasst nur den Input ins Recycling-System, da die Quote direkt nach der Abfallsortierung erhoben wird. Unkontrollierte Müllexporte nach dem Sortieren und weitere Verluste beim Recyclingprozess werden bei der offiziellen Quote mit eingerechnet. Darüber berichtet heute auch die Frankfurter Rundschau. 

Rechnet man Exporte und weitere Aussortierung im Recyclingprozess raus, beträgt die gesicherte Recyclingquote von Kunststoffen in Deutschland lediglich 17,3 Prozent, wie aus einer Studie von Conversio hervorgeht, die unter anderem der Verband „Plastics Europe" in Auftrag gegeben hat.

Wie rechnet sich die Bundesregierung die Recycling-Quote schön?

Grund Nummer 1: Von den 5,2 Mio. Tonnen fürs Recycling vorsortierten Post-Consumer-Kunststoffen wurden 2017 netto 710.000 Tonnen exportiert, das entspricht einem Anteil von 13,65 Prozent. Diese exportierten Kunststoffabfälle gehen als recycelt in die Statistik ein. Allerdings besteht für die meisten Kunststoffabfälle keine Nachverfolgung, ob sie wirklich recycelt oder nur verbrannt oder sogar deponiert wurden.

Die Bundesregierung hat Bettina Hoffmann dazu per E-Mail auf Nachfrage zur einer Schriftliche Frage geschrieben: „Die in der Antwort [...] angegebenen Daten zum Export stammen aus der Außenhandelsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Hier werden die exportierten Mengen und die Zielländer erhoben. Aussagen zur Behandlung der Kunststoffabfälle sind nicht Gegenstand der Erhebung und können daraus auch nicht abgeleitet werden. [...] Eine Kontrolle durch deutsche Behörden im Ausland erfolgt nicht."

Wieviel deutscher Plastikmüll im Ausland tatsächlich recycelt wird, weiß also tatsächlich niemand. Berichte wie die des Bayrischen Rundfunks über illegale Verbrennung von deutschen Abfällen in Polen legen nahe, dass nicht alle Exporte auch tatsächlich recycelt werden.

Grund Nummer 2: Weitere 350.000 Tonnen an Kunststoffabfällen wurden 2017 noch einmal im Recyclingprozess aussortiert und anschließend als Ersatzbrennstoffe verbrannt.

Deutschland schummelt sich zum Recyclingweltmeister

Deutschland ist Schlusslicht bei der Vermeidung von Verpackungsabfällen. Die Zahlen zeigen dazu: Deutschland hat den Titel Recycling-Weltmeister nicht verdient. Insgesamt wurden 2017 in Deutschland 14,37 Tonnen an neuem Plastik produziert. Doch von den 5,2 Mio. Tonnen Kunststoffabfällen der Endverbraucher*innen gingen 2017 in Deutschland nur 810.000 Tonnen als recycelter Kunststoff in die Kunststoffverarbeitung. Das entspricht einem Anteil von nur 5,6 Prozent. Nach einer ebenfalls von der Firma Conversio erstellen Studie lag Deutschland damit sogar unter dem EU-Durchschnitt. Hier wurden 2016 rund 7 Prozent Rezyklat aus Plastikmüll von Endverbraucher*innen in der Produktion neuer Plastikware eingesetzt. Auch dies ist natürlich viel zu wenig. Auch die Plastikindustrie muss bis spätestens 2050 klimaneutral wirtschaften. Anstatt immer neues Rohöl als Basis für die Plastikproduktion zu nutzen, muss viel stärker auf Rezyklat als Einsatzstoff gesetzt werden.

Echte Kreislaufwirtschaft in Deutschland notwendig

Von einer echten Kreislaufwirtschaft sind wir in Deutschland noch Meilen weit entfernt. Die Bundesregierung muss jetzt die Grundlage für mehr und besseres Kunststoffrecycling schaffen. Die Menschen erwarten zu Recht, dass sauber getrennter Plastikmüll nicht einfach verbrannt oder an unbekannte Ziele ins Ausland exportiert wird, sondern in die Herstellung neuer Produkte geht.

In unserem GRÜNEN Aktionsplan gegen Plastikmüll zeigen wir auf, welche Maßnahmen die Bundesregierung jetzt anpacken muss, um Plastikmüll zu vermeiden und Plastik besser zu recyceln.

Der Wiedereinsatz von recycelten Kunststoffen muss deutlich steigen. Deutschland dümpelt hier unter dem EU-Durchschnitt. Wir fordern von der Bundesregierung ein gesetzlich verankertes Ziel, dass bis 2030 neue Kunststoffprodukte zu mindestens 50 Prozent aus recycelten Kunststoffen bestehen müssen. So setzen wir Investitionen in eine echte Kreislaufwirtschaft und in zukunftsweisendes Produktdesign frei.
Dazu brauchen wir endlich ehrliche Recyclingquoten. Statt sich mit Schummelquoten die Recyclingstatistiken weiter schön zu rechnen, muss die Bundesregierung Quoten outputorientiert erheben.